2024 haben wir den Ausgründungsrahmen für österreichische Hochschulen und Forschungseinrichtungen veröffentlicht. Er hat mit einheitlichen Standards und mehr Transparenz eine gemeinsame Grundlage für akademische Spin-offs geschaffen und seither an zahlreichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen Bewegung ausgelöst. Der Rahmen gilt grundsätzlich für alle Disziplinen, ist in seiner Ausgestaltung aber vor allem auf technologiebasierte Spin-offs aus den MINT-Fächern ausgerichtet. Schon damals haben wir betont, dass auch jene Bereiche stärker erreicht werden sollen, die bislang kaum mit Informationen und Unterstützungsangeboten angesprochen wurden – die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie die Künste.
Genau hier setzt SHAPE Austria an. Im Auftrag des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung hat New Venture Scouting den bestehenden Ausgründungsrahmen um einen eigenen Schwerpunkt auf die SHAPE-Disziplinen erweitert. Das Projekt startete im November 2025 und wurde im Juni 2026 abgeschlossen. Ziel ist nicht ein paralleler Rahmen, sondern eine Erweiterung, die den Ausgründungsrahmen für alle Disziplinen anwendbar macht – der Rahmen aus 2024 bleibt dabei weiterhin gültig.
Warum SHAPE?
SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy – ein von der British Academy geprägter, international zunehmend gebräuchlicher Begriff. Im österreichischen Kontext umfasst er die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) sowie die Entwicklung und Erschließung der Künste (EEK). Der Zusatz „for People and the Economy“ macht dabei deutlich, worum es geht: Wissen aus diesen Disziplinen wirksam werden zu lassen.
SHAPE-Disziplinen sind im klassischen, technik- und patentzentrierten Spin-off-Ökosystem bislang deutlich unterrepräsentiert – obwohl sie ein erhebliches, wenig erschlossenes Gründungspotenzial bergen. Sie liefern Erkenntnisse, Methoden und kreative Werke, die für viele drängende Herausforderungen zentral sind: von der digitalen Transformation rund um künstliche Intelligenz über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Weiterentwicklung der Demokratie bis hin zu Gesundheit und Wohlbefinden.
Gründungen aus diesen Disziplinen folgen oft einer anderen Logik als klassische Start-ups. Sie entstehen meist aus einem gesellschaftlichen Problem oder kulturellen Anliegen; das Unternehmerische ist Werkzeug zur Wirkung, nicht Selbstzweck. Statt Patenten steht häufig Soft IP im Mittelpunkt – Urheberrecht, Know-how, Daten, Designs oder Marken. Gleichzeitig sind SHAPE-Gründungen oft kosteneffizienter und schneller umsetzbar, verbreitern die Gründungsbasis und erhöhen durch den traditionell höheren Frauenanteil die Diversität. Da das Thema auch international noch jung ist, haben österreichische Hochschulen und Forschungseinrichtungen die Chance, von Anfang an eine Vorreiterrolle einzunehmen.
Elf Empfehlungen für den SHAPE-Transfer
Der Bericht gibt entlang des SHAPE-Transferprozesses – von der Sensibilisierung über Qualifizierung, Matching und Gründung bis zur Skalierung – sowie zu den übergreifenden Rahmenbedingungen konkrete Handlungsempfehlungen, ergänzt um zahlreiche internationale Beispiele. Da sich die SHAPE-Disziplinen je nach Fachgebiet und Institution stark unterscheiden, sind die Empfehlungen bewusst als Bandbreite möglicher Ansätze formuliert. Elf Kernempfehlungen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen bauen auf dem Ausgründungsrahmen 2024 auf:
Institutionelle Grundlagen schaffen (Leitungsebene)
- Potenzial der SHAPE-Disziplinen strategisch erschließen
- Verankerung auf Leitungsebene und klare Governance
- Hochschulübergreifende Netzwerke und gemeinsame Programme aufbauen
- Inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit gezielt fördern
- Strategie für den Umgang mit Soft IP entwickeln
- Transfer in Karrierewegen anerkennen und Gründungs-Incentives schaffen
Operative Umsetzung (Transferstellen, Career Center)
- Zielgruppenspezifische Sprache, Narrative und proaktives Scouting in der Frühphase
- Niederschwellige, mehrstufige Qualifizierung mit angepassten Formaten
- Vereinfachte Gründung, passende Rechtsform und niederschwellige Finanzierung
- Wirkungsskalierung mit passender Finanzierung
- Impact systematisch messen – institutionell und operativ
Ein Gedanke zieht sich dabei durch den gesamten Bericht: das Prinzip der Zweisprachigkeit. Nach innen braucht es eine Sprache, die an Wirkung und gesellschaftlichen Herausforderungen ansetzt, da klassische Start-up-Begriffe die Zielgruppe oft abschrecken. Nach außen sichern klassische Begrifflichkeiten den Zugang zu Finanzierung und Netzwerken.
Gemeinsam mit dem Ökosystem erarbeitet
Wie schon 2024 ist auch SHAPE Austria in enger Zusammenarbeit mit dem österreichischen Ökosystem entstanden – allen Beteiligten gilt unser besonderer Dank. Das Projekt stützte sich auf drei Säulen:
- Literaturrecherche | Identifikation von acht Fokusthemen, von Sprache und Narrativen über IPR-Spezifika bis zur Impact-Messung
- Stakeholder-Arbeitsgruppe | Vertreter:innen von 27 Institutionen – Universitäten, Kunstuniversitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen, Förderstellen, Ministerium und Interessenvertretungen – in vier Terminen in Wien, Salzburg und per Videokonferenz
- Expert:innen-Interviews | Gespräche mit 16 nationalen und internationalen Good-Practice-Initiativen, darunter ARC Accelerator, Royal College of Art, University of Bristol, Erasmus University Rotterdam und Zurich Centre for Creative Economies
Erfolgreicher SHAPE-Transfer ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiger Kulturwandel. Der Bericht versteht sich damit nicht als Abschluss, sondern als Ausgangspunkt für die gemeinsame Weiterentwicklung des SHAPE-Transfers in Österreich.
Der SHAPE-Ausgründungsrahmen ist allen engagierten Akteur:innen im Ökosystem gewidmet – und vor allem allen Forschenden, Künstler:innen und Studierenden, die ihr Wissen in gesellschaftliche Wirkung übersetzen wollen!